Warum macht man(n) nur sowas, einfach mal so 145km quer durch die thüringisch-fränkische Landschaft zu laufen? Am direktesten kam mir diese Frage in den Sinn, als ich freitags das Zugticket von Würzburg nach Suhl gekauft habe. 2,5h Fahrzeit für knappe 21€. Warum nur diese Strecke also in mehr als 24 Stunden zurücklaufen?? Die kürzeste Antwort die mir jetzt dazu einfällt: weil’s einfach eine geile Sache war. Grundsätzlich war mir die Idee, von zuhause aus zum Start eines Marathons zu laufen spätestens seit Dean Karnazes präsent. Nur muss dafür ein erreichbarer Marathon zur richtigen Zeit am richtigen Ort stattfinden. Glücklicherweise hat Mirko den diesjährigen Würzburg-Mara zum Anlaß genommen das Ding von Suhl aus zu organisieren. Anfänglich aus meiner Perspektive ein kleiner Schönheitsfehler: die „Anreise“ besteht aus schlappen 146km, also mehr als 46km über meinen bevorzugten Laufdistanzen. Zweiter Schönheitsfehler: durch den Start des Würzburg-Maras um 9 Uhr würde ein Start zu sehr unchristlicher Stunde nötig werden, nämlich um 1 Uhr IN DER FRÜH!!! Also stünden zwei Nächte praktisch ohne Schlaf in Aussicht. Aber wie es eben so ist, mit der Zeit verlieren diese beiden Punkte ihren Schrecken und so sorgte vor allem die Aussicht auf reichlich Erholungszeit zwischendurch dafür, dass ich der mich ehrenden Einladung Folge leistete.
SWING 01

So wartete ich also Freitagabend in der Suhler Weiberwirtschaft auf den Transfer zum Startort Schübel-Straße. Zunächst gab es noch die obligatorische Mirko-Schnitzel-Party (= groß, lecker, fertig geschnitten) und ein wenig isotonische Grundlage. Gegen 22 Uhr holte ich in Affenzahn den dritten Begleiter für die ganz lange Strecke am Bahnhof ab. Natürlich stellte sich dann keine Möglichkeit für erholsamen Schlaf mehr ein, ein gemütliches Sofa-dösen erfüllt aber auch seinen Zweck. Zwischendurch ließ ein heftiges Gewitter nicht nur meine Laune gegen Null sinken – nur Regen geht ja noch, aber ein Gewitter ist eben zusätzlich ziemlich gefährlich. Pünktlich gegen 1 Uhr verzog sich zumindest das Gewitter, bei lauen Temperaturen und strömendem Regen machten wir uns zu fünft auf den Weg, den auf den ersten 44km gab es laufende Unterstützung von Mathias und Stefan (Hempel), die aus unterschiedlichen Gründen nicht auf der Gesamt-Distanz starten, aber trotzdem nicht ganz auf den SWING verzichten wollten. Dieser erste Abschnitt war hügelig und landschaftlich bestimmt schön, nur war es stockdunkel, regnerisch, diesig und neblig. Die Versorgung ließ nichts zu wünschen übrig, in zwei vorsorglich an der Strecke geparkten Autos befand sich alles, was man sich mitten in der Nacht so wünschen kann. Im schummrigen Schein der Stirnlampen konnte man glücklicherweise auch von den Steigungen nicht viel erkennen, nur das Rauschen der Autobahn drang ab und zu mal durch den Wald. Einige Kilometer vor Streufdorf setzen sich Mathias und Stefan nach vorne ab und machten den Etappensieg dann unter sich aus. Mirko photographierte das Feld von hinten und Affenzahn und ich trieben uns in der Mitte herum. Dies stellte sich als Fehler heraus, denn unsere Motto „immer auf der Hauptstraße bleiben führte uns Höhe Eishausen vom rechten Weg ab, erst die Nachfrage bei Passanten (von denen es dort nicht viele gibt) führte uns wieder zu Mirko auf den rechten Weg. Auf den letzten Metern zum Etappenziel in Streufdorf fielen mir dann auch schmale rechteckige Schatten auf den Verkehrsleitpfosten auf. Könnten das nicht… und tatsächlich! Ein Verkehrsschild weiter zeugte ein alter Deutschland-Lauf-Pfeil von läuferischen Heldentaten vergangener Tage – auf diese Weise war auch Stefan Bicher irgendwie bei uns 🙂
SWING 05
Im Zwischenetappenziel Blumenladen Streufdorf hellte sich der Himmel etwas auf, der Regen stellte seine Tätigkeit ein und wir machten erstmal das, was das Team Hanka besonders gut kann: Pause! Durch unser gutes Zeitpolster dehnte sich diese Pause selbst für meinen Geschmack lange aus, Mirko nutzte dies zum anprobieren sämtlicher mitgenommener Laufklamotten („soll ich das anziehen?“ – „oder steht mir das hier besser…“) aber tatsächlich pünktlich gegen 8.30 ging es dann weiter. Die UTMS-Vorbereitungsberge vom Neueinsteiger Schweini waren nicht zu sehen, aber auch so hatte er als Einheimischer viel zu erzählen. An mittlerweile von Schweinis Vater/Freunden/Freundinnen bemann- und befrauten Verpflegungspunkten ging es über Trappstadt und Bad Königshofen Richtung Sulzfeld. Dort wiederum gibt es nicht nur einen Biergartenwanderweg (den wir aus Zeitgründen vorerst nicht absolviert haben), sondern im Landgasthof zum Hirschen am Dorfplatz (km74) auch das „Grabfeld Gebräu 80 20“, welches zu 80% aus hellem und zu 20% aus dunklem Bier besteht. Dieses spezielle Gebräu wird in 0,5l-Tonkrüge gezapft und zur Kontrolle ob auch wirklich ausreichend flüssiges Bier und nicht nur Schaum ausgeschenkt wird, wird jeder Krug per Wägung auf den Füllstand kontrolliert: vorbildlich! Mittlerweile verlief der Weg auf wenig befahrenen Landstraßen in der freundlich strahlenden Sonne. Insofern war schon kurz darauf in Stadtlauingen wieder ein externer Stopp fällig. Nicht dass die VP’s zu dünn gestreut gewesen wären, aber so ein kühles Bierchen (wenn auch an der Tankstelle) bei km84 ist schon das Salz in der selbst eingebrockten Suppe eines längeren Läufchens. Apropos Versorgung: Schweini hat es wunderbar in folgendem Satz ausgedrückt: „mangelhafte Verpflegung: es gibt zwar Äpfel und Messer, aber keine Marianne um Mirko die Äpfel zu schneiden…“ So kam es zu den wahrhaft historischen Moment, dass Mirko tatsächlich einen Apfel einfach mal so mit der Hand gegessen hat! Auf diese Weise näherten wir uns auf immer stärker befahrenen Straßen als nächstem Zwischenziel Schweinfurt bei ca. km100. Schön zwar, dass anhand der Schilder die abnehmende Distanz abgelesen werden konnte, aber die Rücksicht der Autofahrer entwickelte leider proportional zur verbleibenden Distanz nach unten.
SWING 57
Der Verpflegungsstopp nach 100km dauerte ungeplant etwas länger, da die Damen noch beim shoppen in der Citygalerie waren. Das hat zwar natürlich kurzfristig genervt., weil es grad relativ locker lief, letztlich war aber die zusätzlichen 20 Minuten liegen in der Sonne offenbar nicht schädlich. Alleine jedenfalls wollten Schweini und ich nicht versuchen uns durch die Innenstadt von Schweinfurt zu navigieren, und Mirko und Affenzahn ließen sich mit ihrer Ankunft bei km100 gerade so viel Zeit, dass sie exakt zum Eintreffen des Verpflegungsautos vor Ort waren.

Nach dem Erreichen des Mains war der Weg besser zu finden, da es auf dem Mainradweg Richtung Würzburg ging; nicht durchgehend allerdings, weil das dann doch zu weit gewesen wäre. Und der nächste externe Verpflegungspunkt war schon ausgeschaut: die Vereinsgaststätte an einer Kleingartensiedlung. Affenzahn gönnte sich vor seiner Currywurst noch ein Nickerchen und heftete sich dann mit meiner Wenigkeit auf die Fersen von Mirko und Schweini. Scheinbar war er dabei nicht sehr elegant, denn aus einer Laube wurde er begrüßt mit den Worten „wieviel ist der den schon gelaufen wenn er so schief daherkommt…“ Der Blick auf mein GPS ließ das Grinsen schnell großer Bewunderung weichen, schließlich hatten wir schon 107km auf dem Tacho. Einen Kilometer weiter gab es einen weiteren markanten Punkt: die Frauschaft der Verpflegungspunkte war erstmals vereinigt, zur Feier des Tages gab es frische Nudelsuppe mit Fleischeinlage – einfach herrlich! Weiter ging es u.a. an einem stummen bzw. stillgelegten Zeugen der Energiewende – dem AKW Grafenrheinfeld – vorbei schon wieder Richtung Sonnenuntergang. Die Gefahr des Verlaufens war hier gleich Null, da durchgehend auf der Staatsstraße 2270 gelaufen wurde. Am Ortsrand Thalheim – mittlerweile waren 118km erreicht stellte ich mit meiner sorgsam gehüteten Flasche Edelstoff die nötige Motivation für die restlichen paar Kilometer her. Während auch Affenzahn ein wenig zu kämpfen hatte zogen sich auch meine Kilometer plötzlich endlos in die Länge. Es war wieder stockdunkel und zudem war ich jetzt immer alleine unterwegs. Mein linkes Schienbein meuterte wie schon seit ca. 100km, nur mittlerweile in einer Weise dass normales gehen nicht mehr möglich war. Beim traben war es erträglich, also musste ich vor allen anderen alleine die Landstraße entlang – ein Glück dass die Streckenfindung entsprechend einfach war. Und dieser Abschnitt war mit knapp 13km einer der längeren. Trotz des hervorragenden Roadbooks passierte es infolge nachlassender Konzentration, dass ich in Oberpleinfeld leicht vom Kurs abkam. Es war ja erst gegen 23 Uhr, also musste ein Anwohner herhalten und mir den Fußweg nach Unterpleinfeld erklären – entsprechende Straßenschilder konnte ich in der Situation nicht finden. Wie lange das noch gut gegangen wäre weiß ich nicht, jedenfalls war am Ortsausgang Unterpleinfeld nach 132km der letzte VP vor der Nachtruhe. Auch hier waren wir wieder in zwei Einzelkämpfer und die Zweiergruppe Mirko/Affenzahn zerteilt. Zum vorgesehenen Schlaf-VP waren nur noch 6km zu absolvieren, die ich diesmal mit Schweini zusammen abspulte. Und irgendwie, so kurz vor dem großen Ziel, wenn die wesentlichen Schwierigkeiten vorbei sind, es nur noch bergab geht, die Restabschnitte lächerliche Kurzstrecken lang sind, man zudem absolut im Zeitplan liegt – da überkommt einen eine unendliche Leichtigkeit des seins. Die schmerzenden Beine, die Müdigkeit – das alles wird nicht mehr als schlimm wahrgenommen, als ob man in Trance daherkommt. Zwar haben wir kurz vor unserem improvisierten Zeltplatz (km138) an der wirklich allerletzten Steigung nochmal alle Flüche aus unserem Wortschatz gekramt, aber was macht das dann schon? Und selten habe ich so entspannt das Wurfzelt in die Gegegend geschmissen, selten so entspannt auf die Luftmatratze verzichtet, selten war ich so schnell in einem Zelt verschwunden, .

Am nächsten Morgen (nach 3 Stunden vor sich hin vegetieren) hatte ich zwar einen flauen Magen, aber der wiederum ließ sich mit einer Bicher-Sitzung im nahen Rapsfeld beruhigen. Der Rest war dann tatsächlich sehr entspannt: einfach immer den Berg runter rollen lassen und in Würzburg den Straßenschildern zum Hauptbahnhof folgen. Nach 144,7km und 26:16h Laufzeit auf der Uhr (exklusive der Schlafpause) war der SWING somit von allen Teilnehmern erfolgreich beendet.

Da mir nach dem SWING nur noch der halbe Marathon gelungen ist und außerdem der Rennsteig wenige Tage später sich ziemlich schwergängig von der Hand lief bin ich erstmal stolz und froh, dass alles vorbei ist. Nochmal sowas zu machen glaube ich momentan eher nicht, aber dass habe ich ja auch vor dem SWING gedacht…

SWING 75

UG
brother bernd

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