Teil1: Frohnau, ich komme!

Eigentlich ist das ja gar nicht meine Sache, so ein 24h-Lauf. Immer die gleiche Strecke ohne Abwechslung, kein durchqueren schöner Landschaften, keine symbolische Entfernung zwischen den Punkten A und B. Aber: es ist immer wieder faszinierend in den Mikrokosmos 24h-Lauf einzutauchen. 24 und ein paar mehr Stunden dreht sich alles nur um das eine, garniert mit essen und trinken rund um die Uhr eventuell auch mal schlafen – und anders als im Arbeitsalltag ohne Zeitplan oder feste Termine oder Zeiten. Sozusagen zeitplanerische Anarchie (für die Teilnehmer…). Sollte dann noch der Veranstalter für absolute Hochklasse stehen gibt es für mich kaum noch ein Argument, nicht doch mal wieder einer Disziplin zu frönen, die nicht zu meinen Lieblingen gehört. Desweiteren gab es die bekannt charmante Überzeugungsfähigkeit des Sascha P, der da sinngemäß sagte, dass zur Großglockner-Tour und zum MAU Berliner den Weg nach Süden antreten, also solle ich gefälligst meinen Hintern auch mal Richtung preußische Landeshauptstadt bewegen.
Ambitionen hatte ich wie üblich keine, außer vielleicht meine Serie zu verteidigen, nach der ich in bisher jedem 24h-Lauf die 100km-Schallgrenze (hüstel…) durchbrochen habe. Einen großen Nachteil gab es allerdings: das erste Drittel der Zeit war ich teamtechnisch alleine, da sich Stefan mit der windigen Ausrede eine Hochzeit an der Ostsee zu besuchen vom pünktlichen Start- und damit auch von potentiellen Bestleistungen fern hielt. Oder wie es Silke zwischendurch mal ausdrückte: „man muss Dir bloß Stefan und Bier wegnehmen und schon kannst Du laufen…“ Zweifellos ein Wermutstropfen ein rosa Einzelkämpfer zu sein, aber Hanka konnte zumindest gütig von der Team-Fahne lächelnd begleiten. So konnte ich aber einen erster Planungsfehler nicht verhindern: Das Restaurant zum Abendessen war in Hermsdorf, ich aber ließ die S-Bahn aber weiterfahren bis zur Endstation Frohnau. Auf diese Weise kam ich in den Genuss eines Berliner Taxifahrers der die ganzen 3km darüber motzte dass die Fahrstrecke so gering war. Hmm, warum lässt er mich dann überhaupt einsteigen? Oder warum sucht er sich nicht lukrativere Taxigefilde als Frohnau? So scheinen die Berliner Taxifahrer ihren Kollegen von Bus und Tram weit hinterherzuhinken.

Teil2 der Lauf itself
Richtig schön relaxt ging es samstags los. Der Aufbau eines Wurfzeltes geht – wie der Name schon sagt – relativ schnell, ein Klappstuhl auch, Eigenverpflegung habe ich ohnehin nie dabei. Einfach zu viel Stress eine Liste a) zu erstellen und b) zu befolgen. Ursprüngliche Pläne um uns die Zeit zu vertreiben hatten sich aus verschiedenen Gründen erledigt. Eine Variante mit verschiedenen Biersorten hatte der Orga-Chef uns sehr überzeugend ausgeredet. Aber Jörg wäre nicht Jörg, wenn er nicht parallel auch noch ein Alte-Herren-Fußballtunier nebenan veranstaltet hätte (ich traue ihm das zumindest zu). So war für nur 20 Meter Umweg kühles Blondes vom Faß gegen wenig Bargeld zu erhalten. Auf solche Kleinigkeiten muss man als Chef erstmal kommen! Ferner war dem Bezirksbürgermeister von Reinickendorf wohl ein Demo-Tape des Team Hanka vom Rennsteig in die Hände gefallen, denn auch das Angebot von Gesangseinlagen fand bei der Orga keine überschäumende Begeisterung. So blieb mir nichts anderes übrig als das zu tun, was bei einer solchen Veranstaltung eben gemacht wird: laufen. Anfangs fand ich die Strecke richtig klasse und gar nicht schwer, zwar etwas wellig aber keine richtigen Rampen, abwechslungsreiche Wege, viel Bäume als Schutz gegen Sonne oder Regen. Die Steigungen habe ich erst nach 7-8 Stunden registriert, aber auch da waren sie willkommen weil sie einem die Überlegungen abnehmen wo man gehen kann und wo besser nicht. So ergab sich anfangs ein relativ flottes Tempo von über 9,2 km/h. Trotzdem ergaben sich nette Plaudereien. Auch mit Silke, die ich während solchen Läufen eher schweigsam kenne war ich einige Runden unterwegs und konnte mit ihr sogar nach ca. 13:30h gemeinsam die 100km feiern. Oder Vanni, vermutlich mit Ambitionen gestartet fand immer wieder die Zeit zum plaudern – sofern man sein Tempo halbwegs halten konnte. Und wo kann man das schon mit einem leibhaftigen Weltmeister? Für Fußballspielen mit Franz Beckenbauer gehen bestimmt einige Euro mehr drauf als zum laufen mit Vanni… Für Abwechslung sorgten ebenfalls die ausnehmend charmanten und gutaussehenden Reporterinnen (Jessi, Felicitas, Katharina) von hauptstadtsport.tv, die in drei Schichten an der Strecke waren. Nur leider sind sie alle vergeben und selbst die Fernbeziehung über 15.800km von Felicitas gab dem Team Hanka keine Chance mit Charme (oder dem, was wir eben dafür halten) zu punkten. Trotzdem wurden wir immer wieder interviewd, und wenn das dann auch noch gesendet wird kann es ja nicht so schlimm gewesen sein. Sehr motivierend fand ich auch die beiden Mädels von vanille&marille, die mit 100% natürlichem Eis die Temperaturen versüßte. Für die war ich nämlich ob der Farbe der Teamkleidung (=identisch mit der des Eiswagens) gleich ein Maskottchen, was mich so verdutzt hat dass ich glatt vergessen habe unseren Kontakt zu vertiefen 
Herzzerreißend war allerdings, daß Streckenposten Flo nach zwei Stunden durch die Grausamkeiten des VP-Besetzungsplanes von seiner Freundin getrennt wurde. Nichts war mehr mit kuscheln und händchenhalten, fortan saß Flo mit Leichenbittermiene am Kontrollposten Wendepunkt. Wie kann es aber bei einem solchen Lauf anders sein: schon einige Runden später war beider Dienst vorbei und ich konnte die glückliche Wiedervereinigung verfolgen 🙂 Gegen 18.30 Uhr konnte ich vom weitest entfernten Punkt der Strecke großen Beifall und Eckys überschlagende Stimme hören. Da war mir sofort klar, dass Hanka gerade dabei war Stefan abzuliefern. Dieser hatte ja diese Hochzeit an der Ostsee als Ausrede genutzt um nicht die ganzen 24 Stunden laufen zu müssen. Glücklicherweise hatte er auch ein erste-Hilfe-Set in Form eines Sixpacks dabei, da das Fußballtunier nebenan beendet und damit die Bierleitung mittlerweile geschlossen war. Wer aber nun gedacht hat dass Stefan nun Gas gäbe sah sich getäuscht; die ganzen Plaudereien für die ich schon über acht Stunden Zeit hatte mussten komprimiert nachgeholt werden. So fiel unser Grüppchen häufiger auseinander, aber auf so einer Runde findet man sich ja schnell wieder. Freundlicherweise hatte er mir Ersatzzahnpasta und –bürste mitgebracht um meine zuhause verbicherten zu ersetzen. Nur: als er sie mir zum VP nachbringen wollte tauchte er einfach nicht mehr auf. Zurückgehen wäre für mich doof, warten auch, also habe ich die Runde notgedrungen vollgemacht. Und am HP saß er dann, die Hand noch an der Zahnbürste friedlich schlummernd… Immerhin besser als gegen 4.30 Uhr, da habe ich ihn nach meiner Nachtruhe schlafend neben einer vollen (!!) Flasche Bier erwischt. Die Erwähnung meiner Nachtruhe deutet es an, nach etwa 100km plus ein bisschen um mir Wiebkes persönliches Diagramm auf meine 100km-Schärpe zu holen waren mir die ständigen Sitzpausen für die Beine zu doof – also habe ich mich einfach hingelegt, natürlich nicht ohne den Wecker auf 2,5h später zu stellen. Damit waren laut meiner Rechnung die 140km noch in guter Reichweite gewesen. Wieder in Tritt zu kommen war aber ziemlich schwer, nur ründliche Kaffeepausen am VP verbunden mit einer großen Portion kalter Nudeln mit Sushi ließen mich langsam wieder auf Temperatur kommen. Das warm gelegene Zelt hat Stefan übrigens weiter benutzt, vermutlich war es ihm peinlich so lange neben einer vollen Bierflasche in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. So war also fast alles wie am Anfang, selbst das Kilometerfressen ging so zügig von statten dass die 140km als persönliche Schallgrenze in leicht greifbare Nähe rückte. Und da erwacht selbst in mir ein gewisser Ehrgeiz und der Wunsch nach etwas mehr. Diese Schallgrenze war bereits kurz nach 23 Stunden erreicht, da die nächste unerreichbar war blieb also noch ausreichend Zeit um sich von der Strecke und unermüdlichen Helfern geistig und real zu verabschieden. Ein Beispiel bleibt mir besonders in Erinnerung – ohne dabei den anderen Helfern unrecht tun zu wollen: Valentina hat nach ihrem 6-Stunden-Lauf und 63,692km am Wendepunkt ausgeharrt und stundenlang den trail-Abschnitt mit einzelnen Lichtern zu erhellen. Nach der Regenschauer das ganze nochmal von vorne, denn einzelne Lichter waren ja ausgegangen. Trotz vielfach erwähnter Motivationsschwäche insbesondere in den schweren Phasen in der Nacht hat es immerhin zu 146,606km gereicht und bei Stefan zu einem ordentlichen Ultra. Ob es mehr hätten sein können weiß ich nicht, aber das grübeln darüber würde die Erinnerung an wunderschöne 24 Stunden trüben, also müssen Ambitionen noch bis zum nächsten 24 warten 

Falls ich etwas positives vergessen haben sollte zu erwähnen bitte ich um Nachsicht, aber als Smartphone-Ignorant hatte ich keine Möglichkeit zwischendurch Notizen zu machen.

UG
brother bernd