Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr sollte es nach Mazedonien gehen, diesmal jedoch nicht nur zu einem Marathon… durch einen mazedonischen Bergführer hatte ich vom Krali Marko Ultratrail erfahren und mich prompt angemeldet. 65km klangen machbar, die 3.000HM dagegen schon deftiger. Ich konnte mir zwar denken, dass in den südlichen Bergen noch weniger Bergwege angelegt sind als im Mavrovo Nationalpark, aber solche Gedanken habe ich bis zum Lauf nicht weiter vertieft. Die Anreise wollten Pat und ich diesmal über Saloniki abwickeln, da Saloniki von München aus bessere Flugverbindungen als Skopje bietet und vom Startort Prilep im südlichen Mazedonien ähnlich weit entfernt ist. Die Weiterreise sollte mit einem kleinen Bus-Shuttle in Form eines Vans erfolgen. Und just an dieser Stelle durften wir erstmals die Zuverlässigkeit südeuropäischer Planungen erfahren. Ursprünglich war die Abfahrt freitags um 13 Uhr geplant. Am Vormittag hieß es dann: „um 15 Uhr ist das Auto da“. War es aber nicht, telefonisch teilte der Fahrer mit „noch 30 Minuten“ – diese 30 Minuten dauerten aber ungefähr doppelt so lange. Dann dachten wir direkt nach Prilep zu fahren, saßen aber in einer kleinen Kaffeefahrt, bei der Outlet-Center abgeklappert wurden um weitere Fahrgäste abzuholen. An einem hieß es „hier kaufen wir nur kurz mal was ein, dauert 30 Minuten…“ Als es dann endlich aus Saloniki raus ging war es schon dunkel. Sehr interessant die Fahrweise unseres Chauffeurs ganz nach dem Motto „es gibt keine Verkehrsregeln, nur Hinweise“, da wurden rote Ampeln und Stoppschilder überfahren, der Standstreifen der Autobahn als legitime zusätzliche Fahrspur genutzt, während der Fahrt ausdauernd mobil telefoniert, die Geschwindigkeit bestenfalls der Situation, nicht aber den Verkehrsschildern angepasst, Gurte zum anschnallen fehlen auch, Nach weiteren unerwarteten Stopps waren wir gegen 21 Uhr (ursprünglich erhofft: 16 Uhr) in Prilep an unserem Hotel. Wobei die Bezeichnung Hotel schon eine Übertreibung war. Das Zimmer nicht abschließbar weil die Tür klemmte, wackliges Klo, kein Duschvorhang, die Gardine halb runterhängend, die Tapete ebenso, undefinierbare Geräusche von den Nachbarn… kurz und gut, nicht zum bleiben geeignet, nur sprach dort keine englisch um unsere Probleme mitzuteilen. Aber: an dieser Stelle setzte die wahnsinnige Hilfsbereitschaft der Organisatoren ein. Tanja als englischsprachige Kontaktperson organisierte von Skopje aus in Igor einen lokalen Helfer, der per Rad zum Hotel kam, unsere Absage übersetzte und dann ein Taxi bestellte das uns zu einer besseren Unterkunft bringen sollte. Erstes Hotel ausgebucht? Kein Problem, wir fahren zum nächsten von zwei guten Hotels. Dort kam Igor mit Leichenbittermiene von Rezeption zurück“ es tut mir sooo leid…“ – in Gedanken sah ich uns schon im Freien schlafen – „…aber das Zimmer kostet 28 Euro pro Person…“ noch nie habe ich freudiger 28€ für eine Übernachtung gezahlt, noch dazu für ein Klassezimmer mit großem Balkon und super Weitblick. Die Anreise hatte somit geklappt und dem Lauf selber konnte nichts mehr im Weg stehen.

Anhang 16

Der Ablauf eines mazedonischen Ultras ist dabei nicht wirklich anders: es gibt Startnummernausgabe, T-Shirt, Briefing mit Hinweisen zur Strecke und Pasta-Party. Da gab es zwar nur kalte Spagetti mit des Soßen Ketchup oder Mayo, aber was möchte man für 15€ Startgebühr schon erwarten? Die 82 Teilnehmer kamen zumeist aus Mazedonien (46), Serbien (22) und weiteren angrenzenden Ländern, auch eine Frau aus Dubai (jetzt weiß ich dass ein buff auch als Kopftuch einsetzbar ist) und eben zwei deutsche Namen. Start war um 8 Uhr (mit früh aufstehen haben es die Mazedonier nicht so…) in einem kleinen Amphitheater nahe unseres Hotels. Zunächst noch flach auf etwas rustikalen Feldwegen dahin, um nach knappen vier Kilometern an die erste richtige Steigung zu kommen: 3,5km und 500HM. Wie erwartet selten auf Straßen oder ausgebauten Wegen, sondern primär Felsen, Steine oder Gras.

Anhang 5

Der Weg ergab sich meist durch die direkte Verbindung zwischen zwei Markierungen (die es in unglaublicher Häufigkeit mit Flatterbändern oder Malereien auf Felsen gab) und weniger durch einen erkennbaren Weg. Im Kloster von Treskavec erreichten Pat und ich nach 9km und deutlich über einer Stunde den ersten VP, mit Chipkontrolle und einer Ausstattung auf bestem BalticRun-Niveau.

Anhang 13

Jedoch ergab sich aus der Laufzeit, dass kein bummeln drin war, kamen doch die wirklich schwierigen Stellen erst noch. Und: bergab war kein Tempo zu machen, die Wegequalität war gleich schwierig und verlaufen haben wir uns auch zweimal. Unter anderem deshalb entschied Pat, nach 19km am zweiten VP am Prilep-See meine Betreuung zu beenden. Zu risikoreiche Strecke, die drohende Dunkelheit am Ende, zudem große Ziele in der nächsten Saison. So machte ich mich alleine auf den Weg in Richtung höchsten Punkt der Strecke. Zunächst noch human ansteigend an einem Marmorbergwerk vorbei zum für lange Zeit letzten VP in Pletvar. Nach diesen km24 waren wir bereits wieder auf 1.000 Höhe, doch jetzt zweigte der Weg in die Wildnis ab und die folgenden 6km und 750HM führten auf oder knapp neben dem Grat auf den Gipfel des Kozjak.

Anhang 4

Viele Steine, kein Wasser, kaum grün, immer in der prallen Sonne – es wurde für mich ein verdammt hartes Stück Arbeit. Aber die Mühe lohnt sich: perfekte Aussichten auf geschwungene Hänge, in der Ferne der Prilep-See, die Bergwerke, karge Berghänge ohne das satte grün das man aus den Alpen kennt, trotzdem aber ein faszinierender Reiz. Vor allem aber: auch von da oben ist kaum Spuren von Zivilisation zu sehen. Sicher gibt es die irgendwo, aber so klein dass sie kaum zu erkennen sind. In solchen Momenten wird mir immer klar, warum solche Läufe mache, und in solchen Momenten rücken auch Beschwerlichkeiten wie undichte Duschkabinen in den Hintergrund.

Anhang 3

Einziger Haken an der Sache: man muss wieder runter, und da sind die Wegqualitäten auch nicht besser als nach oben, sprich konnte man auch nicht wirklich Zeit gutmachen. Und kam dann mal ein erkennbarer Weg, erinnerte der eher an ein Hindernis beim StronmanRun. Ersatzweise gab es auch Schafherden mit scharfen Wachhunden die definitiv nicht an Läufer gewöhnt sind – es wurde also definitiv nicht langweilig. In der ersten Behausung nach dem Gipfel konnten gab es wieder volle Verpflegung, auch die mazedonische Armee (eine derer Vorgängerorganisationen hat immerhin fast die ganze damals bekannte Welt erobert) schaute dort vorbei.

Anhang 2

Danach ging es natürlich wieder diverse hundert Höhenmeter nach oben und unten um zum nächsten Kontrollpunkt am Kloster St. GjorgjiPrisad zu gelangen. Dort sollte es zusätzlich eine geniale warme Gemüsesuppe geben und endlich einmal eine relativ einfache Strecke: abschüssig auf einer Straße zurück zum Prilep-See. Angesichts von 50 übrigen Minuten für 6,2 Kilometern gönnte ich mir erstmals eine gemütliche Sitzpause – es sollte die einzige des gesamten Laufes werden. An besagtem See waren immerhin noch 15 Minuten Polster zum Cot off übrig, und das 15 Kilometer vor dem Ziel. Die Stadt Prilep schon in Sichtweise mussten bei einbrechender Dunkelheit aber nochmal 800 Höhenmeter über zwei Hügel bewältigt werden. Schon im hellen nicht einfach, aber bei Dunkelheit wurde es nochmal diffiziler. Natürlich bin ich auch da nochmal vom Weg abgekommen (Team Hanka-Gene lassen sich eben nicht verleugnen), aber die reflektierenden Markierungen waren trotzdem sehr effektiv. Sicher war ich nicht mehr taufrisch, aber das „laufen“ in völliger Dunkelheit hat trotzdem seinen eigenen Reiz. Dann taucht irgendwann über einem wieder das Kloster Treskavec auf, der Mönch drückt Dir die Hand und wünscht Dir viel Glück für die restlichen Kilometer auf einem Kreuzweg, das sind nochmal so besondere Momente.

Anhang 1

Dann taucht urplötzlich aus der Finsternis das Lichtermeer der Stadt auf, kurze Zeit später die Taschenlampen der Helfer die die letzten Kilometer beleuchten, ein letzter Schlußspurt, das Amphitheater taucht wieder auf, die Zeit bleibt 3 Minuten unter dem ursprünglichen cutt off stehen, einfach unvergeßliche Momente… Mir war nur unangenehm daß Pat so lange mit dem Finisher-Bier auf mich warten musste.

Was bleibt noch nach solchen Momenten zu sagen? Sicherlich viele Worte der Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die mit wenig Geld aber riesigem Aufwand eine tolle Veranstaltung ins Leben gerufen haben, danke an Tanja für die unbezahlbare Hilfe, danke Igor für Deine Herbergssuche mitten in der Nacht, und danke Pat für die stündliche Telefonseelsorge in den letzten Stunden.